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Rose allein mitten im Raum auf dem Stuhl. Man hört die Stimme Paul Celans mit der Todesfuge vom Band.
Rose bleibt bis zum Ende des Gedichts reglos sitzen.
Stimme Celans
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends Sie haben ihn das sagen hören und nichts verstanden. Sie haben geschwiegen, sogar gelacht. Walter Jens berichtet: „Als er zum ersten Mal auftrat... , da sagte man: „Das kann doch kaum jemand hören. ... Der liest ja wie Goebbels.“ Er wurde ausgelacht. Die Todesfuge war ... ein Reinfall in der Gruppe.“ Hans Werner Richters Kommentar: „Singsang ... wie in einer Synagoge.“ Celan, dessen Eltern vor nicht einmal einem Jahrzehnt in Transnistrien umgebracht worden waren, betrat in Niendorf die Gruppe 47. Er betrat sie als Freund Ingeborg Bachmanns, die ihn - vielleicht als Einzige - erkannt hatte. Er betrat eine völlig feindselige Welt. Wie brutal die Empfindsamen sein können. Ihr Unverständnis ist ein Messer im Leib. Das erste Mal traf ich ihn in Bukarest. Später in Paris. Wir haben Gedichte ausgetauscht. Er blieb in der Welt, die die anderen schon zugeschüttet hatten. Unter ihren Tanzböden, ihren Kaufhäusern, ihren Neubauten war noch die andere Welt. Sie lachten über diese Welt. 1952. In Niendorf an der Weser. Die deutschen Dichter. In der Zeit habe ich meine Gedichte in Englisch geschrieben. So konnte man nicht darüber lachen. Wenigstens nicht in Deutschland. Schnappt sich das Mikrophon und spricht hinein. Denn wo ist Heimat? Im Mutterland Wort. Daraus läßt sich schließen, daß in der Zeit, als meine Worte englisch waren, meine Heimat nicht hier war. Nicht in dieser Sprache. Aber man kann eine Sprache nicht erschlagen wie die Menschen, die sie gesprochen haben. Sie war noch da, diese Sprache. Sie geisterte umher und suchte sich Menschen, die den Mut hatten, Wörter wie Liebe und Angst und Mond und Rose noch einmal auszusprechen, neu im Zusammenhang ihrer Schmach und ihrer Ängste, ihrer Demütigungen und ihrer Traumata. Und die Milch wurde schwarz und die Gräber waren in der Luft in den neuen Gedichten. Ich bin eine alte Frau. Ich versuche, friedfertig zu sein. Dreht sich mit dem Rücken zum Publikum und schwingt, nach rückwärts gewandt, ihren Stock. Aber für diese Sätze klage ich Euch an. Wegen fortgesetzter Rohheit. Wegen brachialer Dummheit. Wegen Verletzung eines bereits zutiefst verletzten Menschen: Ich beschuldige Euch! Dreht sich wieder zum Publikum. Läßt sich auf den Stuhl fallen. Nach einer Weile zum Kind: Komm aus dem Koffer! Das Kind kommt aus dem großen Koffer. Rose Sprich Wörter von Celan. Sprich Wörter für Celan. Das Kind holt das Celan-Buch, liest:
Es ist Zeit, daß man weiß! Hast du´s verstanden? Das Kind Der Stein kann nicht blühen. Rose Der Stein muß blühen. Das Kind Und wie? Rose Man muß die Steine, die Trümmer, die Toten, die Verzweiflung heimholen. Nur was wir in die Gefühle lassen, findet Eintritt in die Sprache. Sprache ist Erlösung. Sprache ist der Ort, an dem Steine blühen. Das Kind Glaubst du das? Rose Es ist, was Dichter glauben. Es ist simpel, nicht wahr? Sag sie noch einmal, die Zeilen. Das Kind
Es ist Zeit, daß man weiß! Komm - faßt das Kind an der Hand und geht nach hinten - , laß uns den Stimmen Raum geben. Das Kind Welchen Stimmen? Rose Den Stimmen der Verjagten. Wir sprechen zueinander auf heimlichen Kanälen. Über Länder und Grenzen hinweg, ohne Paß und Visum, erreichen uns unsere Wörter. In der schlaflosen Nacht. Am geschwätzigen Tag. Wir erkennen uns an der Hartnäckigkeit, mit der wir uns Ausdruck verleihen. Wir bestehen auf den Wörtern wie der Frühling auf Blüten und der Winter auf Eis. Wir schicken ein Wort auf die Reise und wissen, es wird einen anderen erreichen. Vielleicht erst nach Jahren, Jahrzehnten. Sie gehen durch die rückwärtigen Bühnenöffnungen ab. |
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