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SZENE 8


Rose allein mitten im Raum auf dem Stuhl. Man hört die Stimme Paul Celans mit der Todesfuge vom Band. Rose bleibt bis zum Ende des Gedichts reglos sitzen.

Stimme Celans

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlagen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingt seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamit er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und er träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamit

Rose
    Sie haben ihn das sagen hören und nichts verstanden. Sie haben geschwiegen, sogar gelacht. Walter Jens berichtet: „Als er zum ersten Mal auftrat... , da sagte man: „Das kann doch kaum jemand hören. ... Der liest ja wie Goebbels.“ Er wurde ausgelacht. Die Todesfuge war ... ein Reinfall in der Gruppe.“

Hans Werner Richters Kommentar: „Singsang ... wie in einer Synagoge.“

Celan, dessen Eltern vor nicht einmal einem Jahrzehnt in Transnistrien umgebracht worden waren, betrat in Niendorf die Gruppe 47. Er betrat sie als Freund Ingeborg Bachmanns, die ihn - vielleicht als Einzige - erkannt hatte. Er betrat eine völlig feindselige Welt.

Wie brutal die Empfindsamen sein können. Ihr Unverständnis ist ein Messer im Leib.

Das erste Mal traf ich ihn in Bukarest. Später in Paris. Wir haben Gedichte ausgetauscht. Er blieb in der Welt, die die anderen schon zugeschüttet hatten. Unter ihren Tanzböden, ihren Kaufhäusern, ihren Neubauten war noch die andere Welt. Sie lachten über diese Welt. 1952. In Niendorf an der Weser. Die deutschen Dichter. In der Zeit habe ich meine Gedichte in Englisch geschrieben. So konnte man nicht darüber lachen. Wenigstens nicht in Deutschland.

Schnappt sich das Mikrophon und spricht hinein.

Denn wo ist Heimat?

Im Mutterland Wort.

Daraus läßt sich schließen, daß in der Zeit, als meine Worte englisch waren, meine Heimat nicht hier war. Nicht in dieser Sprache. Aber man kann eine Sprache nicht erschlagen wie die Menschen, die sie gesprochen haben. Sie war noch da, diese Sprache. Sie geisterte umher und suchte sich Menschen, die den Mut hatten, Wörter wie Liebe und Angst und Mond und Rose noch einmal auszusprechen, neu im Zusammenhang ihrer Schmach und ihrer Ängste, ihrer Demütigungen und ihrer Traumata. Und die Milch wurde schwarz und die Gräber waren in der Luft in den neuen Gedichten.

Ich bin eine alte Frau. Ich versuche, friedfertig zu sein.

Dreht sich mit dem Rücken zum Publikum und schwingt, nach rückwärts gewandt, ihren Stock.

Aber für diese Sätze klage ich Euch an. Wegen fortgesetzter Rohheit. Wegen brachialer Dummheit. Wegen Verletzung eines bereits zutiefst verletzten Menschen: Ich beschuldige Euch!

Dreht sich wieder zum Publikum. Läßt sich auf den Stuhl fallen. Nach einer Weile zum Kind:

Komm aus dem Koffer!

Das Kind kommt aus dem großen Koffer.

Rose
    Sprich Wörter von Celan. Sprich Wörter für Celan.

Das Kind holt das Celan-Buch, liest:

Es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.

Rose
    Hast du´s verstanden?

Das Kind
    Der Stein kann nicht blühen.

Rose
    Der Stein muß blühen.

Das Kind
    Und wie?

Rose
    Man muß die Steine, die Trümmer, die Toten, die Verzweiflung heimholen. Nur was wir in die Gefühle lassen, findet Eintritt in die Sprache. Sprache ist Erlösung. Sprache ist der Ort, an dem Steine blühen.

Das Kind
    Glaubst du das?

Rose
    Es ist, was Dichter glauben. Es ist simpel, nicht wahr?
Sag sie noch einmal, die Zeilen.

Das Kind

Es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.

Rose
    Komm - faßt das Kind an der Hand und geht nach hinten - , laß uns den Stimmen Raum geben.

Das Kind
    Welchen Stimmen?

Rose
    Den Stimmen der Verjagten. Wir sprechen zueinander auf heimlichen Kanälen. Über Länder und Grenzen hinweg, ohne Paß und Visum, erreichen uns unsere Wörter. In der schlaflosen Nacht. Am geschwätzigen Tag. Wir erkennen uns an der Hartnäckigkeit, mit der wir uns Ausdruck verleihen. Wir bestehen auf den Wörtern wie der Frühling auf Blüten und der Winter auf Eis. Wir schicken ein Wort auf die Reise und wissen, es wird einen anderen erreichen. Vielleicht erst nach Jahren, Jahrzehnten.

Sie gehen durch die rückwärtigen Bühnenöffnungen ab.